Montag, 19. Juni 2017

Erster Einbruch ins Establishement des Literaturbetriebes

Ja, selbst ich war nicht immer ein Schreibbohéme, der coole Autor, der Titel wie "Kleinstadtrebellen" schrieb. Auch ich wollte einmal dazugehören: Zu den großen Literaten, anerkannt als echter Schriftsteller. Mit nichts im Gepäck außer der Selbstdarstellungssucht und einem Laptop reiste ich nach Schrobenhausen zu einer gewissen Lisa. Bei Lisa handelte es sich nicht um die Spargelkönigin, sondern um eine nicht weniger attraktive Sommerakademie für Schreibende, organisiert von einem gewissen Arwed Vogel. Ich kannte Herrn Vogel nicht, ich kannte keinen der Dozenten, ich wollte einfach nur dazugehören zu den Schriftstellern. Der Kurs von Norbert Niemann wäre meine erste Wahl gewesen. Niemann wohnte immerhin im Nachbardorf. Was er so schrieb wusste ich nicht. War auch egal, weil sein Kurs leider voll war. Also schrieb ich mich bei einer Ursula Krechel ein.
In der schier unerschöpflichen Hoffnung, als sensationelles Literaturgenie entdeckt zu werden und viele junge Autorenkollegen/innen kennenzulernen, reiste ich nach Schrobenhausen. Ich denke, es ist kein großer Spoiler zu verraten, dass mein Durchbruch noch auf sich warten lässt und ich das Alter der anderen Teilnehmer - wie es mir noch viele Male passieren sollte, um einen Jahrzehntbetrag im mittleren einstelligen Bereich unterschritt.
Die Werkstatt an sich wiederum war sensationell gut. Schon  nach wenigen Minuten kaufte die charismatische Schreibdozentin mir sämtlichen Schneid ab, als sie die ersten vorgetragenen Texte der Autorenkolleginnen virtuos und schonungslos in die Tonne der Belanglosigkeit pfefferte. Als es gleich im ersten Text um eine Beschreibung des "Garten meines Lebens" ging und ich mir die imaginäre Pistole des Grauens längst an die Schläfe gehalten hatte, überraschte mich Frau Krechel also mit schneidender Textkritik und der vernichtenden Beurteilung: "Dies ist keine Erzählung." Was es dem überambitionierten Nachwuchsautor nicht gerade leichter machte, hatte ich etwa was besseres in der Tasche stecken? Ich versteckte mich in der Gruppe, was nicht so schwer war, weil anscheinend alle Schriftsteller an Selbstdarstellungssucht leiden und sich die anderen weiterhin mit Begeisterung ans Schafott begaben.
Am dritten Tag stellte Frau Krechel eine an sich lapidare Schreibaufgabe, die wiederum in mir einen Schreibprozess auslöste, der mich bis heute fasziniert. Sie gab mehrere Schreibszenarien in Form eines kurzen Absatzes vor. 
Unter anderem folgenden: 

Der Sommer war lang und staubig, ein Sommer, in dem die verschwitzte Bettwäsche dauernd gewechselt werden musste. Oder bildete er sich das ein? Oder bildete er sich ein, er wünschte sich solche Wechsel, weil er diesen Sommer mit einem früheren verwechselte?

Was hättet Ihr aus der Vorgabe gemacht? Ich war mit dem Vorsatz gekommen, seriös zu schreiben, gänzlich auf alle Texte die etwas mit Subkultur, Popliteratur, Alkohol und Frauen zu tun hatte zu verzichten. Doch nach Tagen intellektueller Debatten im krassen Gegensatz zur Lebenswirklichkeit der studentischen WG in der ich in Schrobenhausen untergebracht war, begann etwas in mir zu brodeln. War es nicht die wilde, die leidenschaftliche Literatur die ich als gut empfand? Wollte ich wirklich "große Literatur" erschaffen und somit alle meine Leser die ich schätzte in ein Koma der Langeweile versetzen?
Während eines frühmorgendlichen Laufens entlang der Paar ins "Goachad", des Naturschutzgebietes entlang der Paar, setzte sich ein Szenario zusammen, das alle Themen die mich in diesem Lebensabschnitt bewegten, beinhaltete: Ein Junge der in zwei Mädchen verliebt war, einen Sommer lang zu viel trank und nach wilden Partys am Ufer des Flusses bald beide Mädchen nicht mehr auseinanderhalten konnte: Alles verschwamm. 
Um das Verschwimmen anzudeuten, fügte ich Ursula Krechels Satz an den Beginn jedes Unterkapitels der Erzählung. 
Drei Stunden hämmerte ich auf meine Tastatur ein und am Nachmittag musste ich vortragen. Ursula Krechel korrigierte jedes Adjektiv das nicht treffend war und meine Niederlage episch. Es war eine schlecht dahingerotzte Geschichte. Aber es war meine Geschichte. MEINE! Und ich war verliebt in sie! Die Geschichte, meine ich.
Und das allerseltsamste war, dass nach zwei Tagen des Überarbeitens Ursula Krechel den Text gelten ließ. Keine Vernichtung, keine Tonne. Ich trug "Paartanz" am letzten Abend im illuminierten Pflegschloss von Schrobenhausen vor und fühlte mich ein erstes Mal wie ein anerkannter Schriftsteller. Und was machte der nun anerkannte Jungautor? Ging er mit Norbert Niemann und Arwed Vogel an die Bar, um über Manierismus zu plaudern? Ließ er sich von Ursula Krechel für seinen leidenschaftlichen Vortrag loben? Nein, er machte einen stillen Abgang, betrank sich erst mit dem Gratis ausgeschenkten Sekt, schaute dem intellektuellen Establishement noch eine Weile verwundert und achselzuckend zu und flüchtete schließlich mit seinen Kumpels auf das Schrobenhausener Volksfest, wo es wenigstens ein gescheites Bier gab. In der gleichen Nacht beschloss er, die "Kleinstadtrebellen" fertig zu schreiben.
Ach ja, Jahre später hat mir Arwed übrigens gesteckt, dass Ursula Krechel damals eine "literarische Begabung" in mir gesehen hätte. Da traute ich mich aber nicht mehr, ihr zu schreiben. Denn inzwischen hatte sie den Deutschen Buchpreis gewonnen und ich hatte nach Lektüre einiger ihrer Gedichte begriffen, was für ein literarisches Großkaliber der Kleinstadtrebell damals kennenlernen durfte...


So, was waren Eure größten Sternstunden oder größten Katastrophen als Jung-Autor? Verzählt's mal! 

Mittwoch, 24. Mai 2017

Mein erster Internationaler Handtuchtag


Mein erster Internationaler Handtuchtag

Mein Freund Alex ist Gitarrist in einer Punkband. Nach einem seiner Krachmacher-Konzerte, saßen wir in unserer Stammkneipe auf den fleckigen Polstermöbeln im blauen Dunst des Zigarettenqualmes. Vermutlich hatte sich der DJ im Tabakpäckchen geirrt, als Alex sich bei den Klängen von Aquarius plötzlich zu mir drehte und fragte: “Kommste mit zum Internationalen Handtuchtag?”

Meine linke Skeptiker-Augenbraue zog sich unweigerlich nach oben.

Ich war gerade dabei, die zweite Flasche Rotwein zu öffnen und fragte schon etwas benommen: “Muss es eigentlich für alles einen Internationalen Tag geben? Tag der Bäume – o.k., Kindertag – o.k., Kusstag – wenn´s sein muss. Aber jetzt auch noch einen Feiertag für Handtücher?” Ich seufzte.

“Es gibt sogar einen Internationalen Tag der Jogginghosen”, erklärt er mir.

“Ach was!”, staunte ich.

“Der ist am 21. Januar, der Jogginghosentag”, fügte er hinzu.

Meine linke Skeptiker-Augenbraue wollte sich gar nicht mehr senken. “Versteh mich nicht falsch”, lallte ich beschwingt vom Wein, “Handtücher sind eine tolle Erfindung. Ich meine, was würde ich ohne ein Handtuch machen, wenn ich nass aus der Dusche steige?”

“Eben”, stimmte Alex zu, “und ich sag dir eins: Handtücher sind eine der ältesten Erfindungen der Menschheit.”

“Ach ja?”, fragte ich desinteressiert.

“Klar, das erste Handtuch war aus Blättern und wurde von einem Steinzeitmenschen erfunden.”

Ich nickte beeindruckt und dachte: Der Alex ist echt ein schlaues Kerlchen. Zumindest nach zwei Flaschen Wein.

“Aber eigentlich ist der Handtuchtag der Gedenktag für Douglas Adams. Wird überall auf der ganzen Welt gefeiert, sogar hier bei uns in der Provinz”, er schaute mich erwartungsvoll an.

Ich überlegte einen Moment und dann fiel es mir ein: “Ach, der Typ, der “Per Anhalter durch die Galaxis” geschrieben hat?”

“Genau!”, bestätigte Alex zufrieden grinsend. “Ein Handtuch ist für jeden Anhalter absolut überlebenswichtig! Und es hat einen hohen psychologischen Wert!”, dozierte er.

“So so”, entgegnete ich zweifelnd. Der hohe psychologische Wert erschloss sich mir im Moment nicht. “Und was macht man an so einem Internationalen Handtuchtag?”

“Im Kurhotel bekommt man einen Pangalaktischen Donnergurgler gratis, wenn man sein Handtuch mitbringt.”

“Wow!”, entgegnete ich begeistert. “Einen Cocktail also.”

“Nicht irgendeinen Cocktail”, korrigierte er mich und zitierte mit verstellt tiefer Stimme aus dem Buch: “Der beste Drink, den es gibt, ist der Pangalaktische Donnergurgler. Die Wirkung ist so, als werde einem mit einem riesigen Goldbarren, der in Zitronenscheiben gehüllt ist, das Gehirn aus dem Kopf gedroschen.”

Ich kicherte albern: “Hört sich ja verlockend an, so ein Goldbarren auf dem Kopf!”

Also stießen wir mit der nächsten Flasche Wein auf alle Weltraum-Reisenden und den Pangalaktischen Donnergurgler an, den wir uns am nächsten Samstag und zwar dem 25.Mai gratis genehmigen würden. Auf dem Heimweg streckten wir albern lachend unsere elektronischen Daumen in die Luft, in der Hoffnung, dass uns ein Raumschiff mit irren Außerirdischen auflesen würde. Dabei grölten wir aus voller Kehle „Völlig losgelöst von der Erde schwebt das Raumschiff“ und „Ich düse, düse, düse im Sauseschritt“…

Am nächsten Samstagnachmittag stand ich im Bad vor dem Spiegel und überlegte: Hatte er gesagt, dass ich das Handtuch nur mitnehmen soll, oder musste ich es mir umbinden? Meine Erinnerungen an die Krachmacher-Nacht waren nur noch vage. Wenn ich mir das Badetuch über die Jeans und die Bluse band, sah das etwas seltsam aus. Aber um den Hals gelegt war es auch nicht besser. Immerhin musste ich ein ganzes Stück durch die Stadt gehen. Ich könnte das Tuch natürlich einfach in meine Handtasche stecken und erst kurz vor dem Eingang des Kurhotels rausholen. Aber vielleicht traf ich ja in der Stadt noch andere Handtuchträger? Dann würde ich die Science Fiction Fans gleich erkennen, sinnierte ich und probierte verschiedene Varianten aus. Was trägt man bloß zu einem Handtuch? Eigentlich nichts. Man bindet es sich nur um, wenn man nackt ist, überlegte ich. Aber nackt durch die Stadt gehen, nur mit einem Handtuch bekleidet? Ich versuchte Alex zu erreichen, aber sein Handy war ausgeschaltet. Ach, was soll´s! Dann eben nackt. Das Handtuch war schließlich groß genug, um es mir umzubinden und die entscheidenden Stellen knapp zu verhüllen. Und welche Schuhe? Zum Handtuchlook würden Badelatschen besser passen, aber mit diesen alten Latschen in der Bar des Kurhotels? Da kamen mir doch Zweifel. Also wohl besser die neuen High-Heels. Noch schwieriger als die Schuhfrage war allerdings die Frage nach der passenden Handtasche. Was trägt frau bloß zum Zebrahandtuch?

Kaum zwei Stunden später, nach reiflichen Überlegungen vor dem Spiegel zum passenden Outfit, verließ ich meine Wohnung also im Zebrahandtuch, schwarzen Stöckelschuhen und einer weißen Lederhandtasche von Gucci. Für einen Tag Ende Mai war es erstaunlich kalt und regnerisch. Statt der Handtasche wäre ein Regenschirm besser gewesen. Ich war mit Alex in einer halben Stunde im Hotel an der Bar verabredet und lief selbstbewusst los. Einige Passanten warfen mir merkwürdige Blicke zu, als ich in meinem Anhalter-Look durch die Fußgängerzone stolzierte. Ich hielt Ausschau nach anderen Handtuchträgern, konnte aber niemanden entdecken. Ein kleines Mädchen rief: “Mami, Mami, die Frau da geht schwimmen, ich will auch baden!” Die Frau zischte dem Kind etwas zu und zog es schnell weiter. Gab es denn in der ganzen Stadt keinen einzigen Douglas Adams Fan?

Meine High-Heels klackerten über den rötlichen glatten Marmorboden der Empfangshalle des Kurhotels. Zwischen den vergoldeten Büsten und überdimensionalen Gemälden mit Stillleben an den Wänden, kam ich mir mit meinem Zebrahandtuch ziemlich klein und irgendwie fehl am Platz vor.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte der Mann am Tresen der Rezeption, während er weiter auf seinen Bildschirm starrte.

„Na raten Sie mal“, erwiderte ich keck und wackelte auffordernd mit der Hüfte.

Der Mitfünfziger warf mir einen flüchtigen Blick zu und fragte: “Wollen Sie zum Psychotherapeuten-Kongress?”

Ich schüttelte den Kopf: “Nein, seh ich so aus?”

Er musterte mich nun aufmerksam von Kopf bis Fuß und wiegte unschlüssig seinen Schädel hin und her.

“Ich bin hier, weil ich einen Pangalaktischen Donnergurgler möchte”, half ich ihm auf die Sprünge und fügte mit Nachdruck hinzu, “gratis!”

Er starrte mich nur schweigend an.

Also wedelte ich leicht mit dem Zipfel meines Zebrahandtuchs. “Naaa?”, sah ich ihn erwartungsvoll an, “klingelt´s?”

“Mmmmhhh”, machte der Mann und fasziniert stellte ich fest, dass auch er über eine linke Skeptiker-Augenbraue verfügte, die sich nun fast bis zum Haaransatz hob, “also der Psychotherapeuten-Kongress ist im Nebengebäude.” Er deutete mit dem Zeigefinger über seine Schulter.

“Gibt es da eine Bar?”, wollte ich wissen.

Er bestätigte das und so machte ich mich schon etwas entnervt auf den Weg zum Nachbarhaus. Plötzlich kam mir ein Gedanke und ich hielt inne: Gab es womöglich diesen Internationalen Handtuchtag überhaupt nicht? War ich nur wieder auf einen von Alex Witzen reingefallen? So wie damals in der Grundschule, als er behauptet hatte, man könnte ein Hühnerei mit der Nachttischlampe ausbrüten. Nach drei Stunden Dauerbestrahlung, hatte mein Kopfkissen Feuer gefangen und lichterloh gebrannt. Oder später beim Schüleraustausch in England, als er mich überredet hatte, in einen der U-Bahn Schächte zu klettern und mit meinem Lippenstift Unverschämtheiten über die Queen an die Scheibe eines Wagons zu schmieren? Das hatte die erste Verhaftung meines Lebens nach sich gezogen.

Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Vor dem Haupteingang des Nebengebäudes stand eine Gruppe Schlips-Träger. Noch hatten sie mich nicht bemerkt. Mein Blick fiel auf eine geöffnete Terrassentür an der Seite des Gebäudes. Kurzentschlossen wählte ich den Weg quer durch die frisch bepflanzten Blumenbeete, bevor die Männer auf mich aufmerksam würden. Ich versuchte möglichst elegant nur wenige Pflanzen mit den Schuhen meiner Wahl zu durchbohren. Um Gleichgewicht bemüht stakselte ich durch die lehmige Erde, in die ich erstaunlich tief mit meinen spitzen Absätzen einsank, als ich plötzlich das Gefühl hatte, ich würde beobachtet. Wie vom Blitz getroffen blieb ich für einen Moment stehen, drehte meinen Kopf in Zeitlupe dem riesigen Panoramafenster zu, vor dem ich stand und starrte durch die Scheibe. Gefühlte hundert Gesichter hatten sich mir zugewandt. Ich bemühte mich in meinem Zebrahandtuch ganz normal zu wirken, grüßte kurz mit einem leichten Nicken und versuchte dabei nicht über die Beetbegrenzung zu fallen. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass einige der Leute mir freundlich zuwinkten und mitfühlend lächelten.

Endlich und etwas außer Atem, erreichte ich mit erdverschmierten Stöckelschuhen und braunen Spritzern bis an die Knie die Terrassentür. Alex saß in Jeans und kariertem Hemd alleine in der hintersten Ecke des Tresens. Aus seiner Brusttasche lugte ein schmaler winziger Frotteestreifen hervor, der noch kleiner als ein Waschhandschuh war.

“Wie siehst du denn aus?”, begrüßte er mich grinsend.

“Halt bloß den Mund!”, rief ich verärgert und hätte ihm am liebsten meine weiße Gucci-Handtasche um die Ohren geschlagen. Der Barkeeper war einer seiner Bekannten und versuchte sich gar nicht erst das Lachen zu verkneifen.

“Komm, Süße, nimm erstmal einen Drink”, sagte Alex schließlich versöhnlich und schlug mit der Hand auf die schwarze Sitzfläche des Barhockers neben sich.

“Ich will nicht irgendeinen Drink!”, entgegnete ich trotzig den Tränen nahe, “ich will einen 1A Pangalaktischen Donnergurgler!”

“Bin schon dabei was auszuprobieren”, beschwichtigte der Barkeeper. Vor sich hatte er bei verschiedenen Flaschen mit Hochprozentigem bereits die Deckel abgeschraubt und begann die Getränke wild durcheinander zu mixen. Nach Goldbarren mit Zitronenscheiben sah das nicht aus. Dennoch ließen wir uns nicht lange bitten und versuchten dem Geheimnis des Pangalaktischen Donnergurglers auf die Spur zu kommen. Wir ließen uns von der Zutatenliste aus “Per Anhalter durch die Galaxis” inspirierten und fachsimpelten, wie das wohl zu übersetzen sei: Eine Flasche alten Janx-Geist, ein Teil Wasser aus den Meeren von Santraginus V, drei Würfel arkturanischen Mega-Gin (ohne dass das Benzin darin verfliegt), vier Liter fallianisches Sumpfgras, ein Teil qualaktinischen Hyperminz-Extrakts, ein Zahn eines algolianischen Sonnentigers, ein Spritzer Zamphuor und eine Olive.

„Die Oliven sind leider aus“, sagte der Barkeeper bedauernd.

Schon bald gesellten sich Teilnehmer des Psychotherapeuten Kongresses zu uns. Sie schienen alle sehr verständnisvoll für Alex Ausführungen zum Internationalen Handtuchtag zu sein und lauschten ihm mit aufmerksamen durchdringenden Blicken, auch wenn ich mir nicht ganz sicher war, ob sie die tiefe Bedeutung dessen, was wir hier taten, wirklich ergründeten. Eine Hommage auf Douglas Adams und alle Weltraum-Reisenden und die, die es gerne werden wollten. Wir waren auf einer Mission!

Später haben wir die offizielle Feier für den Internationalen Handtuchtag doch noch gefunden. Sie fand nicht im Kurhotel, sondern im Parkhotel ein paar Straßen weiter statt. Aber Alex und ich fühlten uns nicht mehr in der Lage hinzugehen, weil uns so schlecht war, außerdem war mir ein Absatz an meinen schicken erdigen High-Heels abgebrochen und wieder einmal stützten wir uns gegenseitig nach Hause. Ich im Zebrahandtuch, für das Alex mir vorsorglich eine Sicherheitsnadel an der Rezeption besorgt hatte, nachdem es in einem Moment der Unachtsamkeit beinahe bis zum Boden gefallen wäre und bei einigen Therapeuten für verstärkten Speichelfluss gesorgt hatte. Alex mit meiner weißen Gucci-Handtasche um den Hals baumelnd. Am nächsten Morgen fühlte ich mich tatsächlich so, als hätte mir einer mit einem Goldbarren in Zitronenscheiben gewickelt auf den Kopf geschlagen. Seitdem ist der 25.Mai als fester Feiertag in meinem Kalender markiert.

Und um es mit den Worten von Douglas Adams zu sagen: „Das hier ist eine verdammt harte Galaxis. Wenn man hier überleben will, muss man immer wissen, wo sein Handtuch ist!“
(Aus: "Alex von der Krachmacher-Band" - Meike K.-Fehrmann)



Montag, 22. Mai 2017

Die Inspirationsschreiber

Wie entsteht eigentlich Literatur? Jaja, durch Talent und harte Arbeit. Soweit sind wir uns einig. Aber wie beginnt eigentlich Literatur? Setzt sich der Autor hin und sagt: So, die Kasse ist leer, jetzt muss ich mal wieder einen Nobelpreis gewinnen - und haut hochmotiviert in die Schreibmaschinentasten? Oder ist da doch etwas anderes: Dieser unbestimmte Funke den manche Inspiration nennen. Der manchmal etwas mit Muse zu tun hat. Oder mit Muße, die man ebenfalls haben muss. Ja, ich oute mich jetzt mal als schrecklicher Inspirationsschreiber. Letztens gestand ich während der Schreibbohéme-Krisensitzung in Würzburg auf der Brücke dem Fabi, dass ich ein miserabler Überarbeiter bin. Jemand, der fünfhundert Seiten über weingetränkte Abende auf Mainbrücken schreiben kann, aber sobald es ums Überarbeiten geht, lieber schnell noch einen zweiten Teil der Brückenschoppen-Trilogie schreibt. 
Wer erbarmt sich also und seziert meine Texte? Ein inspirierter Autor ist ein Nichts ohne einen nüchternen Lektor. Wer rettet die Schreibbohéme?
Aber eigentlich wollte ich ja ganz was anderes erzählen: Vor einem Jahr brachen drei Wochen im Mai über mich herein, die ich zwar nicht mal dem größten Autoren-Feind wünschen würde und trotzdem haben diese drei Wochen einen Inspirations-Schalter umgelegt, der 12 Monate später immer noch pulsierend nachwirkt: 
Eine Melange aus einer Woche Barliano mit Arwed Vogel und den wilden Schriftstellern, zwei Todesfälle und eine Beerdigung sowie eine Lagerfeuer-Lesung bei einem Grassauer Literatur-It-Girl (Lititgirl - (c) by me) vermischten sich in diesem unbegreiflichen Denkorgan zu einer Melange die seitdem Erzählungen am Fließband erzeugt. Alle inspiriert von den selben Ereignisse und dennoch jede für sich völlig unterschiedlich. Ein post-ironischer Pop-Erzähler, ein lethargisch-träger unzuverlässiger und einer, der zu viel Carlos Ruiz-Zafon gelesen hat. Mal will man sich zu Viert in Schwefelquellen stürzen, dann will sich eine Adelige in Mannheim von einem Obelisken aufspießen lassen und am Ende brennen jede Menge Manuskripte, weil das unzensierte Inspirations-Geschreibe ja doch das Schlimmste auf der ganzen Welt ist.
Was wollte ich eigentlich erzählen?
Eigentlich eh nix. Deshalb hier noch ein Text, den ich geschrieben habe als ich NICHT inspiriert war:

Texte mit denen ich den Fm4 Wortlaut nicht gewonnen habe. Teil 2:

Die Secession

"Die Leute sollen ja wie irre Gold kaufen." sagte sie weil sie nicht wusste, was zu sagen war und steckte sich eine Zigarette an. "Wenn links und rechts die Banken zusammenkrachen, heißt es, sei Gold die einzig beständige Wertanlage." Sie lachte. "Glücklicherweise betrifft mich das nicht. Und wenn ich das nötige Kleingeld hätte, würd ich mir eher einen kleinen Bauernhof kaufen. Mit Hühnern, Schafen und Ziegen. Dann kann der ganze Kapitalismus von mir aus in sich einstürzen. Sein wir uns doch ehrlich, mehr als ein Dach über dem Kopf und etwas nahrhaftes zum Essen brauchen wir doch nicht. Alles andere ist doch nur zum Befriedigen der eigenen Gier und Eitelkeit da." Er nickte süffisant lächelnd und sah sie nachsichtig an. Elia verzog das Gesicht. "Ich merk schon, du nimmst mich für nicht ganz voll. Aber glaub mir, wenn das so weiter geht, wird sich jeder wünschen, einen Bauernhof zu Hause zu haben. Und die Herren Millionäre werden ihre Goldbarren aus dem Keller holen und sich damit gegenseitig die Köpfe einschlagen um auch einen Bauernhof zu bekommen. Wirst schon sehen." Ihre Augen verwandelten sich  zu Schlitzen und sie zog an ihrer Zigarette. "Sag mal, Gust, hast du eigentlich dein Kapital schon in Goldbarren umgetauscht?" sie sah ihn herausfordernd an und blies den kalten Rauch in seine Richtung. Es schwang ein stummer Vorwurf in ihrer Stimme der ihn irritierte. Aber so war sie schon immer gewesen, so hatte er sie kennengelernt und in solchen Momenten liebte er sie auf eine unbestimmte Art und Weise noch mehr. Er konnte ein zartes Lächeln nicht unterdrücken. "Meine liebe Elia." antwortete er, "Zum einen gibt es eigentlich gar keinen besseren Zeitpunkt, als gerade jetzt die so vielgescholtenen Aktien zu kaufen. Also werde ich mich hüten, wie diese anderen aufgescheuchten Hühner auf den Goldzug aufzuspringen. Das einzige Gold das ich mir gönne ist als Bestandteil meiner Uhr verarbeitet worden. Zum zweiten", fuhr er fort, "Zum zweiten geht es mir langsam aber sicher extrem auf die Nieren, dass ihr in mir nur ein wandelndes Dollarzeichen seht. Und fang bitte nicht wieder mit meiner Familie an. Du weißt genau, dass ich die Firma nicht übernehmen werde." Sie musterte ihn mit spöttischem Gesichtsausdruck. Neben der Uhr verriet seine auffällig schlampige Kombination seiner Designerkleidung, dass er wie ein Seiltänzer den Spagat zwischen zwei unterschiedlichen Welten versuchte. "Davon spricht doch auch niemand." murmelte sie mit leiser Stimme und sagte: "Weißt du, was mich trotzdem wundert?" Sie stützte ihren Kopf auf ihre Hand zwischen deren Fingern die Zigarette weiter glimmte. "Jemand wie du, der es finanziell rein gar nicht nötig gehabt hätte, findet sofort einen Verlag, landet einen Top 20 Bestseller und verdient zu allem Überfluss sogar noch an den TV Rechten." Sie sah ihn herausfordernd an: "Nicht dass ich dein Buch nicht mag. Aber schau dir den Hans an. Oder den Schöller. Die haben Texte in der Schublade, das musst selbst du zugeben, die haben Substanz, sind einfach wundervoll. Bei denen stecken Jahre an Lebenserfahrung und Weisheit komprimiert auf wenige hundert Seiten beschriebenes Papier. Seit Jahren sind die aus schierem Überlebenswillen dazu gezwungen, den Verlegern in den Arsch zu kriechen ohne auch nur den Hauch einer Chance auf eine halbwegs fair bezahlte Veröffentlichung zu bekommen." Ihre Empörung verfestigte sich in ihren weichen Gesichtszügen und sie sprach mit weit aufgerissenen Augen weiter: "Dann kommt der gut situierte Zampano aus gutem Hause daher, tauscht mit uns zwei, drei durchaus brauchbare Texte aus und was macht er dann? Wechselt von einem Tag auf den anderen seinen Schreibstil auf fürchterlichste Mainstream Belletristik, schreibt einen Liebesroman dem es zwar an Hirn mangelt, jedoch nicht an Schmalz. Denn das tropft aus allen Ecken und Kanten. Und statt diesen irrsinnigen Kitsch in einen finsteren Tresor zu sperren wo er keinen Schaden mehr anrichtet, lässt er die Beziehungen seines Papis spielen und hat innerhalb von kürzester Zeit einen bestbezahlten Buchvertrag und das halbe Land wird mit seinem Liebesschleim überschwemmt. Und da soll man nicht langsam an der Gerechtigkeit der Welt zweifeln?" Sie lachte resigniert auf und sah ihn Kopfschüttelnd an. Gust spürte, dass sich seine Brust langsam begann zusammen zu ziehen, aber er hielt ihrem Blick stand und zündete sich seinerseits eine Zigarette an. Mit Mühe setzte er erneut seinen nachsichtigen Blick auf:  "Meine liebste Elia, ich werde mich bei niemandem, auch nicht bei dir dafür entschuldigen, dass ich mit meinem Buch den Massengeschmack getroffen habe. Ich richte mein Angebot halt gemäß der Nachfrage. Mein Verleger weiß das, schließlich haben wir ja ein gemeinsames Ziel. Ich will von möglichst vielen gelesen werden, er möchte möglichst viel abkassieren. Und umgekehrt." Elia verzog das Gesicht. "Sei mir nicht bös, aber die große Masse steht halt leider oft auf so richtigen Scheißdreck." "Das nennt man Demokratie." entgegnete er und grinste hilflos.
Sie seufzte, warf ihre Zigarette auf den Boden und trat sie aus. Sie lachte nicht. "Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass dich dein Bucherfolg zu einem noch größeren Arschloch werden lassen hat?" Mit wachsendem Entsetzen krampfte sich das Grinsen hilflos in sein Gesicht Elia verdrehte die Augen.  "Ist nicht bös gemeint, aber musste auch mal gesagt werden. Wir sehen uns." sagte sie und verschwand hinter der schweren Eisentüre im Club. Gust sah der Türe zu, wie sie sich knarrend schloss und krachend im Schloss einrastete. Etwas in seiner Brust schmerzte und er wusste nicht, ob er diesen Umstand lieben oder verfluchen sollte. Dieser Schmerz hatte ihn immerhin reich gemacht.
Elia war die Meisterin der schonungslosen Wahrheitsfindung. Ihre Kunst bestand darin die Schwachstellen der Menschen scharfsinnig zu entdecken und sie filterlos zu enttarnen, wenn sie die Notwendigkeit sah. Eine Seele von einer Person, die allein in ihrem Dasein das Gute aus ihrer Umwelt herausholte. Wenn dieses Gute, das sie wie eine Aura vor sich her trug, umkippte konnte sie sich zur kämpferischen Furie verwandeln und sie riss die Masken ab und Fassaden ein. Es machte ihr Wesen aus, dass sie dies tat, nicht ohne selbst entsetzt und verwundet zu sein, sich sofort mühte, die Schäden mit einem wohlwollenden Wort zu beheben oder gar sofort ihre Hilfe zum Wiederaufbau des alten Status Quo anbot. Dass ihre vergifteten Pfeile die sie gegen sein Buch schoss, direkt in eine offene Wunde traf, schmerzhaft und nie verheilt, das wusste sie nicht, konnte sie nicht wissen und sie hätte sich sonst jedes Wort verkniffen.
Gust stieß einen verzweifelten Laut des Lachens aus und schüttelte den Kopf. Er war allein im kühlen Wind des kommenden Frühlings. Allein mit den Geräuschen der Stadt und dem dumpfen Bass des Clubs. Er fragte sich, ob er jemals den Mut aufbrächte, ihr die Wahrheit zu gestehen. Dieses verfluchte Buch, hätte er es doch nie geschrieben. Als sollte ihn diese Erzählung, die er wie ein Getriebener innerhalb vier Wochen in einer Eile aufs Papier gefetzt hatte, als hänge sein Überleben davon ab, bis ans Ende seiner Tage verfolgen. In Kürze würde die Verfilmung auf ORF 2 gezeigt werden und der Hype aufs Neue beginnen. Mit schierem Entsetzen dachte er daran.
Dieses Buch hatte seine Zukunft auf unbestimmte Zeit pechschwarz gefärbt. Dabei entstand es in einer Zeit, die er als gut, als rein empfand und an die er sich wie an einen Rettungsanker klammerte.
Es entstand vor fast einem Jahr. Über ein Internet Netzwerk hatte er nach jungen Menschen in der Stadt gesucht, die ebenfalls schrieben. Emilia und die anderen waren eine kleine Gruppe von ambitionierten aber erfolglosen Schriftstellern, die sich zwei, drei Mal im Monat in den Cafés der Stadt traf um ihre Projekte zu diskutieren. Trotz seiner selbstbewussten Art und seinem rotzigen Schmäh die ihm zu oft als Arroganz ausgelegt wurden, nahm ihn die Gruppe herzlich und vorurteilsfrei auf.
Elia war das einzige Mädchen. Mit Anfang Zwanzig wesentlich jünger als er, verlor er sich sofort in ihrer naiven, liebenswerten Art, die Welt zu sehen. Die Welt wie er sie sah, war von Anbeginn von einer schwarzen Schickt überzogen gewesen und er und er auf der Suche nach seinem Platz darin. Gegensätze bestimmten seinen Weg, die Gesellschaft in die Gust hinein geboren wurde, stempelte ihn rasch zum Träumer und Nichtsnutz ab. Die Subkulturen in die er sich flüchtete, traten ihm gerade wegen seines Status entweder als heuchlerisch und anmaßend oder ablehnend bis feindlich gesinnt gegenüber. Er wurde zu einer jener verlorenen Seelen die nie wussten, ob jemand den Menschen Gust in ihm sah, oder die Firma Kaindl AG in die ihn das seltsame Roulette des Schicksals hineingeboren hatte. Zu bekannt war sein Nachname in der Stadt, dass man ihn nicht mit Geldscheinen, Smoking und fetten Zigarren assoziierte. Um den Fluch seiner Herkunft zu entgehen, begann er irgendwann, sich nicht mehr als Kaindl sondern als Klimt vorzustellen. Er behielt seine Initialen und genoss den Witz, da nur wenige Gesprächspartner den offensichtlich erschwindelten Namen bemerkten. Er wunderte sich nur, dass in dieser Stadt der Name Kaindl so bekannt war, dass man ihm den Klimt eher abnahm als den Kaindl und er sich hinter Klimt wie hinter einer Maske verstecken konnte. Elia durchschaute ihn sofort. "Verzähl kein Kas." sagte sie, als er sich mit Gustl Klimt vorstellte. "Dann bin ich die Adele Bloch-Bauer." antwortete sie. Gust lächelte und betrachtete sie hoffnungsvoll. Mit diesem einen goldenen Satz hatte sie ihn im Sturm erobert.
Elia ihrerseits besah sich diesen jungen Herrn schmunzelnd. "Du schaust mich an als hättet ihr einen Außerirdischen eingeladen." Sie warf einen prüfenden Blick zu ihren Kollegen und zog anerkennend die Augenbrauen nach oben. "Fesch." sagte sie und lachte in sich hinein als habe sie die unpassendste aller Bemerkungen gemacht. "Da ist schon was Wahres dran." erklärte sie, "Einen Jungbanker hatten wir nicht erwartet." Gust sah irritiert an seiner Kleidung hinab. "Ich bin kein Banker." antwortete er verwirrt. "Das war auch nur allegorisch gemeint." sagte sie und in ihr Gesicht zeichnete sich eine warmherzige Güte. "Aufgrund des Textes den du uns im Vorfeld geschickt hast, waren alle einverstanden, dich in unsere Gruppe aufzunehmen." sagte sie und blickte wie zur Bestätigung in die Runde. "Du kannst dir ja denken, dass du nicht der einzige Schreiberling in der Stadt bist und wir unsererseits behalten uns natürlich eine gewisse Exklusivität vor." Sie lachte und ergänzte: "Nicht, dass wir das nötig hätten, aber der Satz klingt einfach zu schön." Gust stimmte in das Lachen ein und fühlte sich selig wie lange nicht. "Aber wir haben Regeln." fuhr sie fort: "Keine oberflächlichen Texte über Nichtigkeiten. Das heißt vor allem", sie sah ihn mit ihren hellbraunen Augen eindringlich an: "Himmelhochjauchzender Kitsch über die Liebe oder sonstige Banalitäten sind absolutes Tabu. Verliebt sein kann jeder und drüber schreiben sowieso und das Resultat meist Mist. Nur merkt das der Autor nie, weil Liebe bekanntlich blind macht. Du hast dieses Thema in deinem Probetext bravorös umschifft, auch ohne diese Information. Bemerkenswert fand ich, dass du scheinbar belangloses erzählst und deine eigentlichen Aussagen in Allegorien wie in einem Gemälde links und rechts des Erzählfadens versteckst. Mit anderen Worten: Willkommen in unserer kleinen aber feinen Gruppe." Als alle klatschten sog Gust die unerwartete Anerkennung wie eine Droge in sich hinein und ein unbestimmtes Gefühl begann in seiner Brust zu glimmen. Er verfing sich in dem warmen Blick des Mädchens das ihm anerkennend zunickte.
Elia war ein junges Mädchen mit dunklen, wachen Augen. Ihre hellbraunen Haare hingen ihr in einem Seitenscheitel ins Gesicht, sie sah etwas jünger aus als es ihre tiefe, bestimmte Stimme vermuten ließ. Gust erkannte schnell, dass sie  bis an die Grenzen der Verletzlichkeit direkt sein konnte, zugleich aber warm und versöhnlich wenn sie diese überschritt. Ein hübsches Mädchen darüber hinaus. Gesegnet mit der Schönheit der Jugend wie viele der Mädchen die Gustls Wege bis dahin gekreuzt waren. Schön und schimmernd waren sie allte gewesen und er war mit Sicherheit der letzte Mensch auf Erden der den schönen Schein verachtete. Hinzu kam jedoch eine kleine aber entscheidende Komponente die zur Folge hatte, dass sich in Gusts Leben einiges änderte. Nämlich alles: Elia war liiert mit einem sympathischen Kerl, der Gustl zwar gerne bei seinem Nachnamen, also mit Klimt ansprach, sich aber von dessen selbstverliebten Art nicht abschrecken ließ und ein guter Zuhörer war. Dennoch wäre es beim großen Nichts geblieben und außer sporadischen Treffen in der Gruppe hätte sie nichts verbunden. Wären sich beide, Gustl und Elia, nicht auf diesem Konzert zufällig begegnet. Beide waren in einer langen Schlange vor den Toiletten eingereiht. "Ich habe gehofft, dass du auch hier bist." rief sie zu ihm hinüber. "Ich wusste nicht, dass du auf Santogold stehst." rief er zurück. "Ich bin ja auch nicht wegen Santogold da, sondern weil ich pinkeln muss." antwortete sie und die Leute um sie herum lachten herzlich. Durch einen seltsamen Umstand löste sich die Schlange vor dem Mädchen WC schneller auf und Elia verschwand winkend hinter der Tür. Als Gustl schließlich über dem Pissoir stand, hatte sich ihr Name, ihre Augen, ihre dunkle Stimme und ihr herzlicher Humor endgültig in sein Herz gebrannt. "Elia." sagte er leise zu sich und sein Nebenbisler sah ihn schräg an. In diesem Moment, als er der gelben Flüssigkeit nachsah, wie sie durch den Rinnsal in einem Loch verschwand, ahnte er bereits, dass ein goldenes Zeitalter im Leben des Gustl Kaindl angebrochen war. Sein Herz hatte auf Sehnsucht umgeschaltet und er wünschte sich nichts sehnlicher als ihr irgendwo in der Halle zwischen den tausenden Menschen wieder zu begegnen. Er würde sie suchen und wenn er dabei das gesamte Konzert verpasste.
Dazu kam es gar nicht. Sie wartete auf ihn auf dem Flur. Ihre Augen lächelten und sie zog die Mundwinkel leicht nach oben. "Hat gedauert." sagte sie und reichte ihm einladend die Hand. Er ergriff sie, um sich von ihr zurück in die Halle führen zu lassen, spürte ihre Selle wie sie durch ihre warme Haut in seine erkaltete Hand in seine Blutbahn übertragen wurde, dann ließ sie ihn wieder los. Wie zwei wissende über ein wundervolles Geheimnis sahen sie sich an und es bedarfte keines physischen Ausdrucks mehr, sie hatte ihn gewonnen und ihre warme Hand wurde zu seinem Sehnsuchtsfanal. Diese unausgesprochene Exklusivität die sie ihm in dieser kurzen Minute gewährte wog schwerer als die tausend Worte die er in den kommenden Wochen aufs Papier bringen sollte. Sie blieben das gesamte Konzert über zusammen, obwohl ihr Freund mit seinen Kumpel irgendwo am anderen Ende der Halle stand. Sie entschied sich für ihn, ließ seine Gegenwart für die eineinhalb Stunden des Konzerts für wertvoller gelten als die ihres Freundes. Sie traf die goldenen Worte die man sagt, um ein Herz zu erobern und er ließ sich still und schwärmend fallen in diese Illusion die in ihrer unerhörten Unmöglichkeit um so schöner war.
Es begannen die großen Tage im Leben des Gust Kaindl. Wie zwei heimlich Verliebte verabredeten sich beide unter dem schönen Deckmantel der Freundschaft regelmäßig und in dieser unausgesprochenen Exklusivität war es verboten, dem anderen einen Korb zu geben.
Von einer Ära spricht man, wenn ein bedeutendes Ereignis das bisherige Leben eines Menschen nachhaltig zum Besseren verändert. Bei einem goldenen Zeitalter ist es genau umgekehrt. Denn danach tritt die Dekadenz ein und es kann nur noch schlechter werden, bis es in der Apokalypse endet. Es gab einen dieser Tage an denen Gust wusste, dass er sich gerade mitten in seinem goldenen Lebensabschnitt befand.  Er hatte mit Emilia einen halben Tag lang zusammen in der Stadt verbracht. Am späten Nachmittag schlenderten sie glücklich, man möchte sagen, selig den Nachmarkt entlang.
"Klimt. Gust Klimt." fragte sie, "Was hat es mit deinem Pseudonym eigentlich auf sich." Seine Augen hellten sich auf und er sah sie aufgelöst an als habe sie ihm gerade den wunderschönsten Satz auf Erden gesagt. "Du bist die erste, die mich danach fragt." Er sah sie mit dieser hilflosen Hingebung an die er sofort mit einem süffisanten Lächeln ersetzte, als sie es bemerkte. "Dass du mich das ausgerechnet hier fragst?" Sie lächelte. "Der Naschmarkt hat etwas damit zu tun?" Gust sah sie mit großen Augen an und spürte in einem beunruhigenden Gefühl, dass sein Herz existierte. "Es hängt doch alles mit allem zusammen. Vielleicht hat uns das Leben gerade deswegen heute, hier und jetzt hierher geführt." Gust seufzte. "Weil du diesen Ort verzauberst." murmelte er kaum hörbar. Er sagte: "Es gibt in der Stadt ein paar Zufluchtsorte in denen ich mich geborgen fühle. Wo ich hingehe, wenn ich traurig bin. Oder wo ich hingehe, wenn ich glücklich bin." "Der Naschmarkt?" fragte sie, stemmte ungläubig ihre Hand in die Hüften und lachte . "Mein Papa hat mich immer dorthin mitgenommen. Ich mochte schon immer den Trubel, die Leute und die exotischen Waren." Er überlegte kurz, dann fuhr er fort: "Vielleicht liebe ich am meisten die Erinnerung. Weil ich hier einmal glücklich war. Wenn man zurückschaut, kommt einem immer alles viel schöner vor als es eigentlich war." Elia lächelte. "Jaja, die Vergangenheit malt sowieso mit goldenem Pinsel. Ist das also deine Verbindung zum alten Klimt?" "Du bist nah dran. Habt’s ihr denn in der Schule nichts gelernt? Der Klimt und der Nachmarkt gehören ja so gut wie zusammen."   Sie schüttelte den Kopf und er ging mit ihr die Häuserfassaden Richtung Innenstadt zurück. Vor dem Secessionshaus blieben sie stehen und er zeigte ihr die vergoldeten Fassaden in der die Abendsonne glänzend glitzerte. Sie sah sich das Gebäude bewundernd an. "Ist schon komisch, da bin ich in der Stadt aufgewachsen und trotzdem scheint es als sei ich jahrelang wie blind durch die Gassen gerannt. Das Haus ist mir noch nie aufgefallen. Sieht echt nach Klimt aus." "Ist auch Klimt drin." antwortete er. Sie sagte: "Ich muss gestehen, dass ich mich mit dem Klimt nie so befasst hab. Mein Ding war eher der Nitsch." Sie lachte wieder in sich hinein. "Ich hör dich förmlich, wie du sagst, geh Elia, das passt ja gar nicht zu dir. Aber das Dunkle, das Unergründliche hat mich schon immer mehr fasziniert." Sie sahen sich einen Moment lang an, dann sagte er:  "Ich mochte schon immer alles was leuchtet. Mit seinem goldenen Pinsel hat der Klimt in Natura eigentlich unhübsche Modelle wie jene Frau Bloch-Bauer in unergründlicher Schönheit auf die Leinwand gemalt. Diese aberwitzige Kombination, mit diesem teuren Material zu malen und der goldenen Hand des Malers haben etwas für die Ewigkeit geschaffen. Was würde ich geben, wäre ich ähnlich talentiert." "Ich weiß ja nicht wie du malst, aber ich finde du schreibst mit Sicherheit nicht schlechter als Klimt." Schmunzelte sie. "Ach halt die Goschn." konterte er und ein schweres Schweigen fuhr zwischen sie, während hinter ihnen die Kuppel in rötlichem Licht von der untergehenden Sonne kündete. Es war nur ein kurzer, schüchterner Kuss aber Gust musste an diesem Tag die bittere Erfahrung machen, dass ein perfekter Augenblick zwar für die Ewigkeit bestimmt ist, aber nie wieder wiederholt werden kann.
Wie nach einem Rendezvous üblich, brachte er Elia bis vor die Haustüre. Das ungeschriebene Gesetz der Exklusivität erlaubte natürlich nicht, ihn hinein zu beten. Aber es erlaubte einen flüchtigen Kuss auf ihre Wange und eine schlaflose Nacht. Gust begann in dieser Nacht zu schreiben.
Die Worte gingen ihm leicht von der Hand, Tag für Tag wuchs es Kapitel, für Kapitel an. Die Erkenntnis, dass in diesem Buch bald alles erzählt war was es zu erzählen gab, traf ihn mit voller Wucht. Als habe er nicht nur ein Buch beendet, fiel er nach dem Tippen des Schlusssatzes in eine unerklärliche depressive Lethargie. In der Runde fragte man ihn, was er derzeit schreibe. "Nichts." sagte er, trug das Manuskript wochenlang in seiner Tasche, ohne es übers Herz zu bringen, Emilia davon zu erzählen. Die Last dieses Textes in seiner Tasche schnürte ihm die Luft zum Atmen ab und als ob er sich davon die endgültige Erlösung erhoffte, beschloss er, das Buch zu veröffentlichen.
Innerhalb weniger Monate wurde das Buch von den Feuilletons verrissen und den Buchhändlern von verzweifelten Hausfrauen aus den Regalen gerissen. Der Erfolg überrannte ihn.
In der Literaturrunde schlug ihm kalte Ablehnung entgegen und man ließ ihm die Enttäuschung über den Vertrauensbruch spüren. "Du unterschreibst einen Buchvertrag und wir erfahren es erst, als deine Fresse meterhoch in den Schaufenstern hängt." schimpfte Emilia. Die anderen, die das Buch teils schon gelesen hatten, schüttelten nur die Köpfe. "Wie ist es denn so?" fragte sie. Die anderen schauten ernst. "Banal. Oberflächlich. Eine fürchterlich kitschige Liebesgeschichte. Tu dir diesen Schund lieber nicht an." Sie sprachen bereits als sei Gust gar nicht mehr anwesend.
Sie baten ihn, nicht mehr zu den Treffen der Gruppe zu erscheinen.
Als hätte er einen pechschwarzen Vertrag unterzeichnet, veränderte sich alles. Er geriet in die Marketingmühlen, wurde durch das halbe Land geschickt und er verschwand. Mit dem Ausschluss aus der Literaturgruppe verlor er auch den Kontakt zu Emilia. Als habe er ihre Exklusivität verschachert. Mit dieser Lüge, für einen Buchvertrag, für den Erfolg, die Lesereise und die pressewirksame Ankündigung der Verfilmung. Die Exklusivität war tot. Er hatte sie nicht wieder gesehen. Bis heute.
Gust blickte auf. Ihn fröstelte. Ein Auto hupte in der Ferne und das Wasser des Kanals gluckste leise. Er öffnete die Tür und ging die Treppe hinunter. Sofort schlug ihm die stickige Luft entgegen. Er zwängte sich an den Leuten vorbei und seine Augen suchten nach ihr. Er entdeckte sie auf der Tanzfläche. Umgehend war er von Tanzenden umringt, er bahnte sich seinen Weg zu ihr. Sie reckte die Hände in die Höhe und sah ihn fragend an, als sie ihn bemerkte. Wie ein regloser Fremdkörper stand er zwischen den sich rhythmisch bewegenden Körpern. Elia hielt inne und verschränkte die Arme. Er erhob die Stimme laut um die Bässe zu übertönen. "Man sollte kein Gold kaufen, weil der Goldwert starken Schwankungen unterlegen ist." rief er. Sie sah in ratlos, fast angewidert an. "Was hat das mit meinem Bauernhof zu tun?" Er verstand, dass die Antwort ihrem typischen Humor entsprach, aber ihre Augen lachten nicht. "Elia bitte." sagte er flehend und reichte ihr die Hand. Sie nahm seine Hand nicht an, folgte ihm aber in einen etwas stilleren Winkel des Clubs. Sie setzten sich auf eine Couch.
"Wie konnte es nur so weit kommen?" fragte er. Ihr Blick war traurig. "Das fragst du? Du hast ja alles was uns irgendetwas wert war, verraten und verkauft. Wir haben uns einfach getäuscht in dir. Du hast uns doch nie wirklich gebraucht und unsere Runde nur dazu genutzt, um dein aufgeblähtes Ego zu stillen." sie holte tief Luft, "Unsere Gruppe stand für schonungslose Offenheit in allen künstlerischen Dingen. Und jeder einzelne versuchte, den anderen auch in Sachen Veröffentlichung unter die Arme zu greifen. Das hat dich doch alles nie interessiert. Als ginge es dir von Anfang an nur ums Geld." "Bin ich so?" er blickte niedergeschlagen zu Boden. "Schau dich an. Jetzt trägst auf einmal Teile die so teuer sind, dass ich ein Monat lang davon leben könnt. Ich hab gelesen, du hast dir jetzt einen BMW gekauft?" "Weil ich ein zuverlässiges Auto brauche, wenn ich auf Lesereise gehe." "Einen Cabrio?" Sie hielt seinem Blick stand und schüttelte enerviert den Kopf. "Weißt du was ich glaube? Du baust dir gerade eine glitzernde Filmkulisse auf, eine Fassade die geradezu schreit: Schauts her, ich bin glücklich, mein Leben ist perfekt. Aber…" Elia suchte in seinen Augen nach irgendeiner Regung und fuhr mit leiser Stimme fort, "Aber das hat in deinem Buch ja auch schon nicht geklappt." Ihre Blicke trafen sich und sie sah ihn an wie jemand der gerade gesteht, das größte Geheimnis des anderen gelüftet zu haben. "Ja, ich habs dann doch gelesen." sagte sie. Gust's Gesicht erstarrte und er schaute reglos ins Leere. Seine Augen begannen silbern zu glitzern und eine Träne rann über die versteinerte Wange. Dann fixierte sie sein Blick wieder. Leise, mit zarter zerbrechlicher Stimme sagte er: "Ich wollte nur in deiner Nähe sein." Er rang nach Worten. "Die Zeit mit dir hat alles wertvoll gemacht. Die Jahreszeit, die Orte an denen wir waren. Du hast mich wertvoll gemacht." er sah sie mit tränenunterlaufenen Augen an. "Was hätte ich auch tun sollen? So jemanden wie dir bin ich noch nie begegnet und werde ich auch nie wieder begegnen." er räusperte sich und sprach mit etwas festerer Stimme weiter. Er lächelte resignierend als er sagte: "Glaub mir, ich hab mich umgeschaut." "Deine warme, ehrliche, herzliche Art ist etwas was meinem Leben gefehlt hat. Fehlt." ergänzte er. "Du bist das wertvollste das ich je gehabt habe." sagte er.
Ihre Pupille zog sich zusammen und sie legte eine ungewollte Schärfe in ihre Stimme: "Aber du hast mich nicht gehabt." sagte sie. "Niemand hat mich."  "Und was ist mit deinem Freund?" Elia sah mit in sich gekehrtem Blick zu Boden. "Wir sind darum so lange zusammen weil wir wissen, dass wir uns nicht gegenseitig gehören." "Warum hast du auf meine Anrufe nie reagiert?" fragte er. Ihr Blick wurde ernst und eine unbestimmte Traurigkeit zeichnete sich in ihrem Gesicht ab. "Anfangs fand ich, dass die anderen überreagierten und einfach nur eifersüchtig auf deinen Erfolg waren." sagte sie. "Dann hab ich das Buch gelesen. Scheiß auf das, was die anderen denken, es war das schönste was ich jemals gelesen habe." Sie wischte sich in einer flinken Handbewegung eine Träne aus dem Gesicht. "Hast du gedacht, ich merke nicht, dass ich mich da rauslese?" "Ich habe nur für dich geschrieben." entgegnete er matt. Ihr Gesichtsausdruck verhärtete sich. "Vielleicht wäre es dir gelungen, dass dieses schöne Märchen in Erfüllung gegangen wäre." sagte sie, "Aber du musstest ja gleich das ganze Land Anteil nehmen lassen. Und den Quatsch den du in den Interviews von dir gegeben hast, hat mir den Rest gegeben." Sie stand auf, warf ihm noch einen verzweifelten Blick zu: "Natürlich ist die Liebe banal. Aber gleichzeitig gibt es nichts Wertvolleres im Leben. Du hast meine verkauft. Steck dir dein ganzes Geld das du damit gemacht hast sonstwohin. Mir ist mein Leben zu wertvoll als dass ich es noch einmal mit dir vergeude." Sagte sie, schüttete ihm ein auf dem Tisch stehendes halbvolles Glas Cuba Libre ins Gesicht und beschloss spektakulär das letzte Kapitel seines zweiten Erfolgsromans.


Samstag, 29. April 2017

Irrwitzig verrückt

Seit Monaten eine blanke Seite im Moleskine. Die Schreibbohéme in der Schreibblockade? Oder die Ruhe vor dem Sturm?
Am 7. Mai ist Einsendeschluss vom FM4 Wortlaut. dem einzigen Schreibwettbewerb bei dem ich seit über zehn Jahren tapfer Jahr für Jahr geniale Geschichten einschicke und mir alljährlich die Watsche des Nicht-Beachtens abhole. Ja, auch dieses Jahr schreibe ich wieder fleißig. "Grell" ist das Thema. Falls die ehemaligen Wortlaut-Gewinner und Longlist-Schaffer noch mitlesen - Schöne Grüße an dieser Stelle!
Wäre doch gelacht, wenn es dieses Jahr nicht mindestens ein Schreiber/Mitleser der Schreibbohéme in die Top 10 schafft!
Sehr gerne würde ich Euch jetzt meinen 17er Text posten, aber dann wär ich ja disqualifiziert. Also poste ich etwas ganz anderes und hoffe, Ihr habt trotzdem Spaß beim Lesen: 

Irrwitzig verrückt

Ein halbverrückter, exotischer Schluckauf befällt mich. Es ist gar kein richtiger Schluckauf, weil er sich nur einmal in einer halben Stunde bemerkbar macht, dafür aber um so lauter. Die ganzen Leute in der Pizzeria schauen mich an, als hätte ich gerade einen epileptischen Anfall erlitten. Jeden Moment ruft jeder "Ist hier ein Arzt?" Aber ich lebe noch und ich habe noch eine gute halbe Stunde um aus dem Lokal zu flüchten, bevor wirklich jemand den Arzt holt.
Die feine Gesellschaft verabschiedet sich. Zwei Glaserl Wein sind genug für einen Samstag Abend und alle gähnen und freuen sich aufs Bett. Soll mir Recht sein, ich hab mir längst genug Mut angetrunken, um den Samstag zu erobern.
Weil ich fürchte, dass es sich die anderen doch noch überlegen und mich begleiten, laufe ich auf einmal davon. Hoch die Treppen vom Stadtberg. Es ist kälter als gedacht und der Optimist kleidet sich immer zehn Grad kühler als es tatsächlich ist. Am Stadtplatz ist die Hölle los. Tausende Menschen rauchen vor den Lokalen und ich muss dringend pinkeln. Da der Stadtplatz ein in sich geschlossenes Häuserensemble ist, gibt es weit und breit kein Flecken Natur, wo man ohne schlechtes Gewissen bieseln könnte. Weil die Leute schon schauen, warum ich so ungeduldig schaue, laufe ich den Stadtberg wieder runter in Richtung Au und biesle einfach am Parkplatz vor dem Reformhaus. Ist doch sowieso alles Öko, da wird sich schon keiner aufregen. Es ist immer spannend, im Schnee zu pinkeln. Weil es a) so schön dampft und es b) physikalisch faszinierend ist, wie das Eis erst langsam, dann immer schneller dahinschmelzt und man sein Urin wie einen Stempel gelb in den Schnee drückt. Amerikanische Forscher haben in Brasilien einmal Beton in einen Ameisenbau gespritzt, den dann ausgegraben und anhand der riesigen Betonkonstruktion in der Erde wahnsinnig interessante Dinge über die Ameisen herausgefunden. Man sollte eigentlich auch die gefrorenen Pinkellöcher aus dem Eis ausgraben, um anhand der verwendeten Muster den Charakter des Bieselnden zu analysieren. Meine Technik ist die, dass ich ein möglichst tiefes Loch in den Schnee biesle. Mit Namen Pinkeln hab ichs nicht so. Das Problem beim Wildbieseln ist noch das Bedürfnis, sich die Hände zu waschen. Es ist komisch, dass man das auf einem normalen WC nie hat, nur immer dann, wenn mans nicht kann. Jetzt aber weiter.
Der Eintritt ist teuer, die Musik ist laut und der Club verraucht. Es ist Wochenende. Montag bis Donnerstag Büro, Freitag bis Sonntag Boheme. Der Club wird von einer angenehmen Mischung aus jungen wilden Leuten und reiferen, jung gebliebenen Langhaarigen besucht. Man kommt sich dort nicht ganz so alt vor wie in den angesagten Clubs, wo sich selbst die jungen meist alt fühlen. Mich wundert es dann immer, wo der vielzitierte Jugendwahn geblieben ist, oder warum er nicht dorthin geht, wo es wirklich hip ist, sondern die ergrauten Jugendwahnsinnigen stur in die selben Clubs und Kneipen gehen, in die sie schon seit zwanzig Jahren gehen. Genau so ist es hier. Die Musik ist jung und darum sind auch die jungen wilden allesamt gekommen. Aber das Stammpublikum aus den Neunziger Jahren ist ebenfalls gekommen. Was sollen sie auch woanders hingehen, es ist Samstag.
Vielleicht kann man genau so das Erwachsenwerden definieren: In jungen Jahren schaut man sich die Konzerte aus der ersten Reihe aus an und hat nur Augen für die Bands und kreischt ab und an kurz vor der Ohnmacht. In den wilden Jahren ist man ganz vorne, genau in der Mitte vor der Bühne und tanzt wie ein verrückter. Je älter man dann wird, desto weiter hinten platziert man sich, desto weniger tanzt man aufgrund Ischias und Bandscheiben und so. Ganz am Schluss steht man nicht einmal mehr in der Mitte, sondern links oder rechts seitlich der Bühne, je nachdem wo die Pilsbar aufgestellt ist. Ich gehe auch schnurstracks an die Bar und hole mir einen Cuba Libre und das war dann auch die genau richtige Entscheidung!

Da steht sie, als wartet sie auf mich. Sie schaut mich an, als kennt sie mich und sie schaut genau so aus, wie ich sie mir immer vorgestellt habe. Diese Ausgeburt von Utopia. Wieso schaut sie so süß, warum trägt die genau das Kleid, das mich wahnsinnig macht und das so kurz ist, dass man ihre Arme sieht und an den Armen merkt man sowieso, ob jemand jetzt wirklich attraktiv ist, oder auch nicht. Über ihrer Brust trägt sie ein goldenes Medaillon, verdammt, muss sie denn alles richtig machen? Oder mag ich das Medaillon einfach deshalb, weil sie es trägt? Na klar, die Augen. Die Augen sowieso. Die sehen mich ja an, als wüsste sie, dass ich der Augentyp bin, der auf Augen steht. Sie hat ein ewig junges Mädchengesicht, das sicher in zehn Jahren keinen Millimeter anders aussieht, auch wenn sie dann zwar noch jung aber kein Mädchen mehr ist. 
Wir reden sofort, als sei es eine Selbstverständlichkeit, über die Gefahren des Internets und dass wir gegen unsere Eltern sowieso nicht mehr rebellieren können. Ich rede überhaupt viel und komme furchtbar gescheit vor, weil ich seit Tagen wie ein Besessener Bücher lese und mein Gehirn zudröhne mit Wissen bis es platzt. Sie sagt auch gescheite Sätze, aber sie macht sowieso alles richtig. Sie hätte auch sagen können, dass sie Rockantenne hört und ich hätte sie trotzdem vergöttert. Aber dann will sie tanzen gehen und erst jetzt bemerke ich diesen irren Altersunterschied, ich könnte ihr Vater sein, sagt man doch so gerne. Diesmal stimmts wohl. Mit dem Unterschied, dass ich mit 13 noch keinen Sex hatte. Nicht mal ansatzweise, aber das ist eine ganz  andere Geschichte und um ein Haar erzähl ich sie ihr auch, aber so wahnsinnig bin ich dann auch wieder nicht. Ich wippe mit dem Cuba Libre in der Hand und weiß natürlich, dass sie tanzen will. Also mache ich mich rar, verschwinde wieder, sie soll ihre Jugend nicht an mir verschwenden und verknallt bin ich sowieso schon also flieg, süßer Vogel Jugend.
Ich renne aufs Klo und treff dort jemanden, der viel wahnsinniger ist als ich es jemals war und kriege einen Lachanfall, weil er im Klo sitzt und auf seinen Kumpel wartet. Ich lache gar nicht deshalb, weil er auf dem Klo sitzt, sondern weil er es ist und ich verknallt bin und sowieso alles witzig finde. Er sagt, er wartet auf sein Geheimtreffen und tut furchtbar geheimnisvoll, dabei wollen sie nur einen durchrauchen und ich schrei Yeah! Und kündige an, heute alle Dummheiten mitzumachen, einfach weil Samstag ist und das Leben zu schön, als es zu zerdenken. Der Kumpel kommt, wir sitzen auf einer Couch und er schreit noch, ob ich morgen kündige und ich inhaliere und denke, ist doch scheißegal. Im nächsten Moment werde ich hysterisch, weil ich begreife, dass wir uns in einer Höhle befinden und ich rechne damit, dass jeden Moment der Fels einstürzt und uns alle bei lebendigem Leib zermalmt. Wasser tropft von der Decke und ich ducke mich, zum Glück, es ist nichts passiert. An der Bar steht die Wunderschöne und ich stelle mich zu ihr ohne was zu sagen. Das ist peinlich, aber konsequent. Sie fragt, ob wir jetzt noch was zu trinken bestellen und ich sag na Klar, aber da ist längst schon alles verloren. Da hat sie schon begriffen, wie atemberaubend sie ist und ich hau lieber ab, bevor sie es mich spüren lässt. 
Will die eine, wolln sie alle und mein großes Herz steht auf einmal vor mir und ich falle ihr um den Hals und lache sie aus, lache weil sie nicht mehr meine größte Liebe ist und amüsiere mich köstlich, dass ich mich von nun an gar nicht mehr für sie interessiere, aber sie hat keine Ahnung, die Lustige. Ich quatsche sie voll und erzähle ihr von meiner Lebenstheorie und kann ihr endlich unverblümt sagen, was ich denke und was mich halb wahnsinnig macht. Ich sag ihr, dass ich so eine seelische Sehnsucht spüre, so eine Art erotisches Heimweh und sie hält mich für verrückt, macht aber den Spaß mit und ich verwechsle total, welche Rolle ich ihr gegenüber spielen soll, hab keine Ahnung, ob ich ihr Kumpel bin, oder ihr Verliebter und weil ich sowieso ein Rollenidentätsproblem habe, stimme ich ihr zu, dass die A. dicke Tüten hat, verrate aber nicht, ob ich das jetzt toll oder nicht toll finde.
Aus den Augenwinkeln sehe ich eh die Bezaubernde, die sich auf ein Sofa gesetzt hat und gelangweilt so tut, als habe sie nichts zu tun und sie denkt wohl, ich merk das nicht und tu so, als sei ich furchtbar beschäftigt und quatsche mit der Nummer Zwei weiter und rede mich um Kopf und Kragen, bis sie mich total zu hassen beginnt und mir ins Gesicht knallt, wie sehr sie ihren Freund liebt, die alte Schlampe.
Halb verrückt vor Eifersucht haue ich ab, ohne mich von irgendeinem dieser beknackten Fabelwesen zu verabschieden. Was stellen sie denn schon dar mit ihrer Vollkommenheit und ihrem scheißverdammten Charme und ihrer irrwitzigen Schönheit? Nichts! Nicht mal in Ruhe unterhalten kann man sich mit denen, ohne dass man sich selber wie ein ungebildeter Idiot vorkommt. Ich habe genug gesehen und stürze mich hinaus in den Schnee, schmeiße mich in den Kanal und hoffe zu ertrinken, aber es ist zu wenig Wasser drin. Der Mond knallt aggressiv herunter und ich kann das im Moment überhaupt nicht haben, so fuck you moon! Schreie ich und renne nach Hause, als ob das noch irgendwas ändern würde.




Mittwoch, 25. Januar 2017

Dass hier mal wieder etwas passiert



Eigentlich wollte ich das ganze als Kommentar posten, allerdings sind dort die Layoutmöglichkeiten stark beschränkt, deswegen habe ich mich für einen eigenen Post entscheiden. Ihr könnt das gerne ändern, verschieben, löschen, wenn das jemanden stört. 

Ich habe mich vor kurzem mit dem Autor Christoph Magnusson über den neuen, starken Ich-Erzähler unterhalten. 
Schnell waren wir uns einig, dass der nahe Ich-Erzähler mal so gar nichts neues ist. Die Vorteile dieser Erzählart liegen mMn in starker Nahe zum Beschriebenen und einer automatisch etablierten Authentizität, die oft auch in der Person des Autors mit gebracht wird. Einerseits kann man das dann als realistisch und sehr mutig vom Autor bezeichnen, anderseits kann es auch als ein bisschen billig empfunden werden, sich die Arbeit eine stringente Figur einzuführen einfach zu sparen, indem man ein schon medial/gesellschaftlich bekanntes Bild nimmt. Außerdem schränkt es das zu Erzählende stark ein, da ein - wenn auch nur so wahrgenommener - Bruch mit der Realität das Konzept ins Wanken bringt. Ich, ganz persönlich, liebe die Freiheiten, welche Literatur ermöglicht und liebe es mich mit deren Regeln nicht nach Wahrheit richten zu müssen. Oder gar der Realität, wie sie nur aus meinem Blickwinkel existiert. 
Ebenfalls sind wir über ein gekommen, dass das Gerede über den großen Ich-Erzähler lediglich auf der "Analyse" eines einzelnen beruht und solche Trends - hier bin ich mir gar nicht sicher, ob von einem solchen gesprochen werden kann: er nennt 3! Autoren - so schnell schwinden, wie die Printauflagen von Literaturzeitschriften. Alles in allem: Schreib die Erzählperspektive, die zu deiner Geschichte passt, für Trends, von denen du gehört hast, bist du zu spät dran ;)....

Jetzt habe ich mir nochmals deiner Geschichte angenommen. Heftiges Thema und, sollte ich jetzt Gefühle verletzen bzw. Sachen kürzen, die aus persönlicher Sicht unerlässlich sind, tut mir das leid. Ich versuche mich nun rein darauf zu konzentrieren, die literarische Qualität des Textes zu verbessern, also Potentiale freizulegen und den Fokus - für den Leser - auf die Stärken des Textes zu richten. 

Toskana


Sofort waren das Morgenlicht, die uralten Felder und die toskanischen ( schon durch Überschrift klar)  Hügel zerrissen ( Metapher funktioniert auf Bildebene schwer, da Licht nicht materiell ). Da war nur noch  ( du hast davor Landschaft beschrieben; "zerrissen teast 2 Sachen an, dann ist nur noch überflüssig) das tote Kind und meine weinende Schwester. Ich trug noch immer meine verschwitzten Laufsachen und diese schwarze Leere, die seit einigen Tagen zu schwinden begann, war wieder da. Schwer und unaussprechlich. (Kontrast so stärker; Joggen wird nie wieder erwähnt; Leere, die sogleich wieder relativiert wird -> wenig stark; bleib im Moment )Unten kochte Stella Kaffee. Wie jeden Morgen. Wie schon Jahre zuvor, als ich hier immer glücklich war. TEMPUSWECHSEL, wieso, es folgt kein Höhepunkt; ich würde alles in Präsens schreiben Ich sage es ihr. Worte umschreiben einen Sachverhalt. (komplett unetablierte Erzählerstimme; zerstört die Nähe und Stimmung) Sie schaut verständnisvoll, wie sie es immer schaut. Aber ein Mensch kann das Unsägliche nicht verstehen und ich überlege, meinem Standpunkt Nachdruck zu verleihen, indem ich mich heulend auf dem roten Boden wälze. So wie ich auf den letzten Beerdigungen fantasierte, mich schreiend in das Grabloch zu stürzen. +
Stella wird es Arwed erzählen. Ich werde das Unsägliche kein zweites Mal aussprechen. Sie sollen verstehen, dass es ein Wunder ist, dass wir hier sind. Dass wir nur einen Tag toben und weinen werden. Dass wir die angepasstesten Menschen der Welt sind. Aber da ist nichts als die lähmend schöne Landschaft und das Grauen, das zur Stunde 700 Kilometer entfernt zu Hause weiter tobt.  (Satz davor als Ende viel stärker, das ist so ein Rönnefehler: guter Satz, dann nach 3 Nachschübe bis es zu hässlichem Brei wird)
Ich werde darüber schreiben wie mein Großvater fast gestorben wäre. Aber es wird nur ein müdes, längst vergangenes Unheil  Unsägliches ( wenn du dich schon für diese außergewöhhnlich Wort entschieden hast, dann ziehs auch durch) im Vergleich zur Gegenwart sein. Weltkrieg hin oder her, der Krieg, die Toten haben meine Familie längst zersetzt. 
L. flüchtet sich in ihre Handywelt und sie fügt sich erschreckend in das Muster der heiteren, unbedarften Mädchen, die ich in meinen Stürmen gesucht habe. Ihr braucht man nichts vom Tod erzählen. Sie ist eine junge Mädchenblüte und kein Schatten auf ihr außer meiner. 
Bald werde ich Ronja von Rönne wiedersehen und sie wird nie erfahren, dass sie mich nur als Kriegsversehrten kennenlernte. Und ich denke darüber nach, ob es ihr egal ist, oder ob sie etwas von L. unterscheidet. Vielleicht alles.   ( hier wird ein absolut neues Thema aufgemacht; L. ist nicht etabliert, wer ist sie. Die Rönne passt nun wenig zu solch tragischen Fällen )


Die dichte Atmosphäre und die Nähe zum schlimmen Erlebten gefallen mir hier sehr gut. Ich denke, der Text wird stärker, wenn man sich hierauf konzentriert. Vielleicht kannst du noch, wie du angefangen hast, die Reaktionen anderer hinzufügen (L.), aber dann musst du dir hierfür mehr Raum nehmen

Ich hoffe, so etwas ist hier gewünscht. 
Fabi

Montag, 16. Januar 2017

Der Abgrund in der Literatur - dürft gerne kommentieren!

Zwei Artikel habe ich  zuletzt interessiert gelesen. Sie haben mich angeregt, über mein Schreiben nachzudenken. Der erste war ein Text von Sophie Weigand über den Abgrund in der Literatur.
Die letzten zwei Jahre habe ich beinahe jeden Prosa-Text vor einem gefühlten Abgrund geschrieben. Ich frage ich mich, ob es gelungen ist, diesen Abgrund in den Texten auftauchen zu lassen.

Ich poste Euch mal den Beginn einer Erzählung die ich dieses Jahr auf der Schreibalm - Werkstatt geschrieben habe.

Da kommt der Adel

Irgendwo zwischen dem Friedhof der ungeborenen Kinder und dem Grab meiner Eltern lief sie mir über den Weg. Besser gesagt, sie sprach mich an. Greta von Kotzebue. Was macht eine wie die am Friedhof, fragte ich mich. Sie sah ganz passabel aus und war höchstens 20 oder 29. Sie grüßte mich und stellte mir dieselbe Frage. 
"Bist du nicht etwas zu jung für Friedhöfe?" 
Was soll ich sagen? Ich glaube, ich habe seit Jahren auf so etwas gewartet. Ich meine, auf eine schöne junge Frau wartet man ja immer, aber eine die genau die Frage stellt, die sich niemand zu stellen traut, das war schon ungewöhnlich. Das war so eine Art Dammbruch. Eigentlich wusste ich genau, dass man jungen schönen Frauen nicht gleich die Geschichte vom toten Hund erzählt und die vom toten Kind erst dreimal nicht. Aber Greta hatte gefragt und machte keine Anstalten, mir nicht interessiert zuzuhören. Also setzten wir uns auf eine der Bänke im Waldfriedhof. Die Vögel zwitscherten aggressiv und beinahe wäre es schön gewesen. Ich erzählte Greta von Kotzebue vom Krebs und wie der meine Eltern aufgefressen hat. Und von Katharina, die damals unser Kind verlor, weil sie das alles nicht aushalten konnte. Ich betonte, dass Katharina jetzt in Bielefeld wohnte, um klarzustellen, dass es nichts mehr zwischen mir und Katharina gab. Außer dieser kleinen feuerbestatteten Pappschachtel im Grab der ungeborenen Kinder. Greta sagte erst, als ich ihr so ziemlich alles was es über mich zu wissen gab, gesagt hatte, dass sie für ihren Blog recherchiere. Dass sie etwas über den Tod bringen wolle, aber sie wisse noch nicht genau was. Aber es sei richtig gewesen, sich mal auf dem Friedhof umzuschauen, sagte sie und tippte mir dabei irgendwie auf das Bein und sofort zuckte etwas in mir zusammen. Sie sagte, sie wolle mir etwas zeigen und weil ich unbedingt wollte, dass sie mir etwas zeigte, folgte ihr durch die Reihen aus Grün und Gräbern. 
"Das ist unsere Familiengruft", sagte sie. "Hier werde ich irgendwann mal liegen. Vermutlich mit 27", sagte sie, lachte und zündete sich eine Zigarette an. So erfuhr ich, dass Greta einen Adelstitel trug. Sie erzählte, dass ihre Familie irgendwie von August von Kotzebue abstammte. Dem Dichter, den einer in Mannheim erstochen hatte. 
"In Mannheim, da habe ich mal gelebt", sagte ich. 
"Ich nicht." Sie schüttelte den Kopf. Greta sagte, sie lebe jetzt in Wien. Und ihr Blog sei recht erfolgreich, sie könne die Miete davon bezahlen. Dann lachte sie und meinte, die Mieten in ihrem Bezirk seien aber auch recht günstig. 
Sie schnippte die Kippe auf ihre Familiengruft. Ich schaute ihr dabei scheinbar perplex zu. "Die Toten interessiert das doch nicht mehr", erwiderte sie. 
Ich begleitete sie zum Parkplatz. Sie kramte einen Füllfederhalter aus der Tasche und hielt mir ein Moleskin hin. Den Füllerdeckel im Mundwinkel nuschelte sie, ich solle ihr meine Handynummer geben. "Damit ich dir den Entwurf des Artikels schicken kann", sagte sie. "Darf ich deinen Namen verwenden? Wie heißt du eigentlich mit vollem Namen?" "Hans", sagte ich. "Hans Irlbach." 
"Ich melde mich", rief sie mir aus der heruntergelassenen Fensterscheibe ihres Autos nach und verschwand. 
Da kommt der Adel, dachte ich mir eine Woche später, als ich im Café Lenz auf sie wartete. 

To be continued

Die Methode, die ich in diesem Fall auswählte, war ein fiktiver Text, inspiriert von den Ereignissen um mich herum. 
Derzeit gibt es andererseits eine Diskussion, ob die neuen großen Texte nicht alle autobiographischer Natur sind. Peter Praschl schreibt in der Welt, dass ihn Romane langweilen und er lieber über das geballte, das wirkliche Leben lesen will. Als Referenzen nennt er die wuchtigen Werke von Knausgard, Melle und Stuckrad-Barre.
Der autobiographische Gehalt meiner Texte schwankt stets. Dies ist einer, den man als autobiographisch bezeichnen könnte:

Toskana


Sofort waren das Morgenlicht, die uralten Felder und die toskanischen Hügel zerrissen. Da war nur noch das tote Kind und meine weinende Schwester. Ich trug noch immer meine verschwitzten Laufsachen und diese schwarze Leere, die seit einigen Tagen zu schwinden begann, war wieder da. Schwer und unaussprechlich. Unten kochte Stella Kaffee. Wie jeden Morgen. Wie schon Jahre zuvor, als ich hier immer glücklich war. Ich sage es ihr. Worte umschreiben einen Sachverhalt. Sie schaut verständnisvoll, wie sie immer schaut. Aber ein Mensch kann das Unsägliche nicht verstehen und ich überlege, meinem Standpunkt Nachdruck zu verleihen, indem ich mich heulend auf dem roten Boden wälze. So wie ich auf den letzten Beerdigungen fantasierte, mich schreiend in das Grabloch zu stürzen. 
Stella wird es Arwed erzählen. Ich werde das Unsägliche kein zweites Mal aussprechen. Sie sollen verstehen, dass es ein Wunder ist, dass wir hier sind. Dass wir nur einen Tag toben und weinen werden. Dass wir die angepasstesten Menschen der Welt sind. Aber da ist nichts als die lähmend schöne Landschaft und das Grauen, das zur Stunde 700 Kilometer entfernt zu Hause weiter tobt. 
Ich werde darüber schreiben wie mein Großvater fast gestorben wäre. Aber es wird nur ein müdes, längst vergangenes Unheil im Vergleich zur Gegenwart sein. Weltkrieg hin oder her, der Krieg, die Toten haben meine Familie längst zersetzt. 
L. flüchtet sich in ihre Handywelt und sie fügt sich erschreckend in das Muster der heiteren, unbedarften Mädchen, die ich in meinen Stürmen gesucht habe. Ihr braucht man nichts vom Tod erzählen. Sie ist eine junge Mädchenblüte und kein Schatten auf ihr außer meiner. 
Bald werde ich Ronja von Rönne wiedersehen und sie wird nie erfahren, dass sie mich nur als Kriegsversehrten kennenlernte. Und ich denke darüber nach, ob es ihr egal ist, oder ob sie etwas von L. unterscheidet. Vielleicht alles. 

Montag, 12. Dezember 2016

Die Toten auf dem Rücksitz (1): Pfeil und Bogen

Die letzten Jahre vor seinem Tod war mein Vater wieder ein Junge geworden. Er fuhr stundenlang mit dem Rad durch die Landschaft, legte sich an einem sonnigen Plätzchen in die Wiese oder staute das Wasser des Baches hinter seinem Haus auf, damit er darin schwimmen konnte. Es gab keinen Einfluss einer Frau mehr, die ihn an die Gepflogenheiten erwachsener Menschen unseres Kulturkreis erinnerte und so hauste mein Vater in bescheidenen, andere sagten, ärmlichen Verhältnissen, wie er es auch als Junge in den Nachkriegsjahren getan hatte.
Seit seinem Tod versuchte ich zu verstehen, warum er diesen Weg für sich gewählt hatte und gelangte immer wieder zu dem unbefriedigenden Ergebnis, dass ihn diese Lebensweise glücklich gemacht hatte.
Anders als beim Tod meiner Mutter hatte ich keine Möglichkeit, mich von meinem Vater zu verabschieden, als er sich, wie es so seine Art war, ohne große Worte zu verlieren, dieser unserer Welt, die nicht mehr die seine war, zu entziehen. Ich wartete verstört im sterilen Flur der Intensivstation und wusste noch nicht, dass er längst neben mir saß.
Ohne eine Zeremonie und unter dem Zeitdruck des Unternehmens wurde drei Tage später die Maschinerie in Gang gesetzt, die seinen Sarg in einen Industrieofen fuhr, wo er hinter einer massiven Türe in einer glühenden Hitze verschwand.
Draußen vor dem Gebäude schaute ich noch eine Weile zu, wie weißer Rauch aus dem Kamin in den Himmel stieg.
Einige Wochen später, als es Frühling wurde, spazierte ich über das Grundstück meiner Kindheit. Wie immer, wenn ich das leere Haus besuchte, um das eine oder andere Aktenstück zu suchen, oder die Zimmer zu lüften, hatte ich dieses unbestimmte Gefühl, dass mein Vater noch immer dort lebte und nur auf einer längeren Radfahrt unterwegs war.
In der Wiese vor dem Haus entdeckte ich im vom Schnee noch plattgedrückten Gras einen Gegenstand. Ich hob ihn auf und erkannte das alte Taschenmesser meines Vaters, das dieser vor Jahrzehnten einmal verloren hatte.
Der Schaft war schon damals verwittert gewesen. Ich zog die Klinge heraus. Sie war an den Seiten etwas angerostet.
Während ich das Messer betrachtete, erinnerte ich mich daran, dass mein Vater das Messer in meiner Gegenwart oft benutzt hatte, wenn er mir einen Pfeil oder einen Bogen baute.
Das Messer war unweit des alten Hollunderstrauches gelegen, aus dem er damals die Pfeilspitzen geschnitten hatte. Der Baum, der eigentlich vor Jahren schon abgestorben war, stand in diesem Frühling wieder in voller Blüte. Ich testete die Schärfe der Klinge und es gelang mir, problemlos einen Ast von der Hollerstaude herunter zuschneiden.
So wie es mir mein Vater damals gezeigt hatte, schnitzte ich mir eine Pfeilspitze daraus.
Für den Pfeil benötigte ich Schilf. Mein Vater hatte früher stets größere Mengen Schilf auf dem Speicher über der Garage aufbewahrt. Ich ging zurück zum Haus und setzte die Leiter unter die Türe zum Garagenspeicher und kletterte hinauf. Hinter der Tür schlug mir ein modriger Geruch entgegen. Zwischen Styroporplatten und Brettern entdeckte ich tatsächlich ein Bündel Schilf und zog ein Schilfrohr heraus. Dabei sah ich unter den Styroporplatten meinen alten Bogen hervor lugen. Verwundert, dass dieser immer noch existierte, nahm ich ihn und kletterte die mit jedem Schritt vibrierende Leiter wieder herunter.
Mit gezielten Schnitten ins Schilf bastelte ich mir einen Pfeil zurecht und während ich in die Arbeit vertieft war, blickte mir mein Vater dabei über die Schultern.
Den fertigen Pfeil spannte ich in den Bogen, der trotz der 20 Jahre, die er inzwischen alt war, noch genau so geschmeidig war wie in meinen Kindertagen.
Ich zielte mit dem Pfeil in den Himmel und stellte mir vor, dass dort oben irgendwo mein Vater saß.
Mit einem lauten Zischen schoss der Pfeil in die Luft und stieg höher und höher, bis er verschwunden war. Eine Katze miaute und zwischen meinen Beinen schmiegte sich eine schwarz weiß gefleckte Katze, die exakt so aussah wie die Lieblingskatze meines Vaters.
Ich hob sie hoch und sie sah mich mit grünen Katzenaugen an. Die Katze bewegte ihren Mund und sagte: "Es ist jetzt gut. Du darfst mich nun loslassen." Erschrocken warf ich die Katze zu Boden und sie verschwand zwischen den Büschen.
Dies war in derselben Woche passiert, als ich das Haus zum Verkauf ausschreiben ließ. Ich werde die Käufer des Hauses bitten, sich um die Katze zu kümmern.